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| Wochengespräch

Wenn die Lehrkräfte fehlen: Bildung Bern Präsident Pino Mangiarratti nimmt Stellung

Noch zwei Wochen Schule und dann ist das Schuljahr 2021/22 Geschichte. Für die 9.-Klässler ist die Schule ganz fertig, für alle anderen geht es in einer neuen Klasse, vielleicht mit neuen Kolleg:innen und im besten Fall mit einer neuen Lehrperson ins nächste Schuljahr. Weil genau dort hapert es: Noch fehlen im Kanton Bern aktuell über 200 Lehrerinnen und Lehrer. Nicht zum ersten Mal.

Man sei mittlerweile ausgeschossen mit Lücken füllen, sagt Pino Mangiarratti, Präsident von Bildung Bern. "Wir haben pensionierte Lehrkräfte reaktiviert, Pensen erhöht, Quereinsteiger angestellt oder PH-Studierende schon unterrichten lassen. Der Spielraum hat sich massiv verkleinert." Als einer der grössten Gründe für den Lehrermangel sieht Mangiarratti in der Komplexität der Materie. "Lehrermangel ist ein vielschichtiges Problem. Im Kanton Bern wird die Relevanz der Bildung zu wenig gesehen. Man weiss, man geht in die Schule, absolviert die neun obligatorischen Jahre und macht danach eine Lehre oder geht ins Gymnasium und erlernt einen Beruf." Was aber die Schule alles bewirke und leiste, diese Sicht bleibe auf der Strecke.

Pino Mangiarratti betont weiter: "Dies widerspiegelt sich auch in der Politik. Alle sprechen von Rohstoffen und der Wichtigkeit des Lehrberufs. Wenn es aber dann darum geht, Entscheidungen zu treffen und Ressourcen zu sprechen, sich zu bekennen und sich einzusetzen, da hapert es dann."

Es geht dann schon irgendwie
Die aktuelle Situation ist für die Lehrpersonen ein schmaler Grat zwischen Zweckoptimismus und Jammertal. Mangiarratti beschreibt: "Was uns Lehrpersonen auszeichnet, ist dass wir den Grundsatz leben "Es geht dann schon irgendwie", dass wir das Positive sehen. Wenn es dann einmal nicht läuft und wir uns beschweren, sind wir dann die Jammertanten. Diesen Vorwurf höre ich oft."

Man müsse jetzt einen Zwischenweg finden. Die Situation sei ernst, man wolle nicht nur Jammern, aber es gelte jetzt, nicht alles schön zu reden. "Was nun wichtig ist, dass wir langfristige Lösungen anpacken, einen Masterplan entwickeln. Die Pflästerlipolitik der letzten Jahre reicht nicht mehr, wir sind ausgeschossen." Mangiarratti geht davon aus, dass man bis Ende Sommer überall eine Lehrperson gefunden hat für die leeren Stellen. "Aber ob die qualifiziert sind dafür, das bezweifle ich", so der Präsident von Bildung Bern.

Quereinsteiger erwünscht, aber unter Bedingungen
Ein Plan, den Lehrermangel zu beheben, ist, Quereinsteigern den Zugang zum Lehrer:innen-Beruf zu ermöglichen. "Dies ist schon lange der Fall und wir nehmen Quereinsteiger noch so gerne als Lehrkräfte bei uns auf. Sie sollen aber auch genügend ausgebildet sein." Mangiarratti hält nicht viel von Senkungen der Anforderungen. "Wenn ich jahrelang mit dem GA Zug fahre, dann kann ich auch nicht plötzlich ohne Ausbildung als Zugführer arbeiten." Für ihn war der erleichterte Zugang für Berufsmaturanden zur PH ein Rückschritt. "Die Prüfung war wichtig, um zu sehen, was die Berufsmaturandinnen können. Im Vergleich zu einer eidgenössischen Matura haben sie in mehreren Fächern Rückstand. Den in den vier Jahren PH aufzuholen ist für mich nicht plausibel", so Mangiarratti.

Dazu komme, dass dieser abgeschwächte Zugang nur für den Kanton Bern gilt. Lehrkräfte mit diesem Abschluss können dann in keinem anderen Kanton unterrichten. "Ob das in der momentanen Situation zwar noch zählt, wage ich zu bezweifeln. Der Lehrermangel ist zu akut, um wählerisch zu sein."

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