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Messie-Syndrom: Zwischen Stigma, Trauma und dem langen Weg zurück zur Ordnung

Überfüllte Wohnungen, kaum begehbare Räume und Gegenstände, die sich über Jahre ansammeln. Das sogenannte Messie-Syndrom ist für Aussenstehende oft schwer nachvollziehbar. Schnell fallen Begriffe wie „faul“ oder „chaotisch“. Doch Fachpersonen betonen: Hinter dem krankhaften Horten steckt weit mehr als Unordnung.

Das Messie-Syndrom, fachlich als pathologisches Horten bezeichnet, ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Betroffene sind nicht in der Lage, sich von Gegenständen zu trennen, selbst dann nicht, wenn diese objektiv wertlos erscheinen. Die Dinge sind emotional stark aufgeladen und vermitteln Sicherheit oder Halt. Florian Weiss, leitender Arzt der Psychiatrie Burgdorf, erklärt: „Bei einer überfüllten Wohnung oder einem überfüllten Haus ist es wichtig, genau hinzuschauen: Handelt es sich um ein Messie-Syndrom, also um krankhaftes Horten, bei dem Gegenstände bewusst und emotional aufgeladen behalten werden? Oder liegt eher ein Verwahrlosungssyndrom vor, das häufig mit einer psychischen Erkrankung einhergeht und bei dem das Aufräumen unterbleibt, weil der Sinn dahinter nicht mehr gesehen wird?“ Die Unterscheidung sei zentral, da die Ursachen unterschiedlich seien und entsprechend verschiedene Behandlungsansätze erforderten. Für Weiss ist klar: „Eine Therapie ist beim Messie-Syndrom das A und O. Ebenso wichtig ist es, die Betroffenen zu entstigmatisieren.“

Keine Faulheit – sondern eine Krankheit

Auch Alexander Frommherz, Gründer und Co-Leiter der Sozialorganisation Praxas in Biglen, begegnet in seiner Arbeit immer wieder Vorurteilen: „Es ist sehr wichtig, Menschen mit einem Messie-Syndrom nicht zu verurteilen. Viele glauben, es habe etwas mit Faulheit oder mangelnder Sauberkeit zu tun. Doch hinter dem Syndrom steckt eine ernstzunehmende Krankheit und die betroffene Person trägt keine Schuld daran.“ Oft liegen die Ursachen tief in der Lebensgeschichte. Frommherz sagt: „Hinter dem Messie-Verhalten steht in vielen Fällen ein einschneidendes Erlebnis, eine grosse Trauer, ein Verlust oder ein Trauma. Das Horten beginnt häufig als Bewältigungsstrategie. Um wirklich heilen zu können, muss man den Ursachen auf den Grund gehen.“

Aufräumen allein reicht nicht

Hier setzt die Arbeit von Praxas an. Die Organisation unterstützt Menschen nicht nur beim Entrümpeln, sondern begleitet sie langfristig im Prozess der Veränderung. Daniela Zaugg, Co-Inhaberin von Praxas, erklärt: „Wir begleiten Menschen, die vom Messie-Syndrom betroffen sind. Dabei geht es nicht nur darum, gemeinsam aufzuräumen, sondern auch darum, neue Strukturen zu entwickeln und zu lernen, mit der geschaffenen Ordnung nachhaltig zu leben. Das ist eine behutsame Schritt-für-Schritt-Arbeit, die sich über Jahre erstrecken kann.“ Schnelle Lösungen seien dabei fehl am Platz: „Entscheidend ist eine tragfähige Vertrauensbasis und die Bereitschaft, dem Prozess Zeit zu geben. Mit einer Hauruck-Aktion lässt sich keine nachhaltige Veränderung erreichen.“ Ein radikales Leerräumen einer Wohnung könne im schlimmsten Fall sogar zusätzlichen Stress oder erneute Rückschläge auslösen, wenn die betroffene Person nicht aktiv einbezogen werde.

Wenn Profis mit Containern anrücken

Neben sozialpädagogischer Begleitung sind in schweren Fällen auch Reinigungsfirmen im Einsatz, insbesondere dann, wenn Wohnungen ein Ausmass angenommen haben, das alleine nicht mehr zu bewältigen ist. Joel Hirschi, Geschäftsinhaber der Alles Sauber AG in Jegensdorf, berichtet aus seinem Berufsalltag: „Es ist nicht immer einfach, einen Messie-Haushalt zu betreten. Nicht alle Mitarbeitenden möchten mit solchen Situationen konfrontiert werden, besonders dann nicht, wenn im Haushalt noch Kinder leben.“ Der organisatorische Aufwand sei oft erheblich: „In gewissen Monaten räumen wir drei bis vier Messie-Haushalte. Dabei arbeiten wir mit grossen Containern, teilweise kommen sogar Schneeschaufeln zum Einsatz, um die angesammelten Gegenstände abzutransportieren.“

Ein langer Weg, mit Verständnis statt Verurteilung

Das Messie-Syndrom ist keine Frage von Willensschwäche oder mangelnder Hygiene, sondern eine komplexe psychische Erkrankung. Fachpersonen sind sich einig: Verständnis, Geduld und professionelle Begleitung sind entscheidend für eine nachhaltige Veränderung. Entstigmatisierung spielt dabei eine zentrale Rolle. Nur wenn Betroffene ohne Angst vor Verurteilung Hilfe annehmen können, besteht die Chance, Schritt für Schritt wieder Ordnung ins Leben zu bringen. Denn letztlich geht es nicht nur um aufgeräumte Räume, sondern um Stabilität, Würde und neue Perspektiven.

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