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| Kultur

Jazz Festival Willisau 2019: Jung geblieben dank steter Erneuerung

Wer Lust hat, sich in der zeitgenössischen Improvisations-Szene umzuhören, für den ist Willisau jeweils Ende August noch immer eine Reise wert. Bereits zum 45. Mal findet dort das Jazz Festival statt (28. August bis 1. September). Es ist dank steter Erneuerung jung geblieben.

Arno Troxler, der zum zehnten Mal für das Programm verantwortlich zeichnet, sorgt dafür, dass der Anlass keinen Staub ansetzt. Bei der Planung und Vorbereitung lasse er sich stets auch inspirieren von künstlerischen und emotionalen Eindrücken, die ihm haften geblieben seien, sagt er im Interview mit neo1. Die Planung und die Zusammenstellung des Programms, bleibe für ihn die grösste Herausforderung. 

Tatsächlich ist es Troxler gelungen, nicht nur den drohenden Zuschauerschwund in einer gesättigten Festivallandschaft aufzuhalten, sondern auch für eine stete Erneuerung des Publikums (sprich: Verjüngung) zu sorgen. Dazu hat nicht zuletzt sein offenes Konzept und sein Interesse für neue, nicht etablierte Formen der Improvisation – seien sie jazzig, rockig oder elektronisch – beigetragen. 

Troxler vergisst dabei bei seinem Ausblick auf das Neue nicht die Tradition, ohne die der zeitgenössische Jazz und der Willisauer Anlass undenkbar sind. So eröffnet in diesem Jahr der amerikanische Saxofonist Joshua Redman mit seinem Quartett das Festival. Er ist der Sohn von Dewey Redman (1931-2006), der mehrmals in Willisau gastierte, erstmals 1973 im Quintett von Keith Jarrett. Und zum Abschluss des Festivals spielt das Duo James Brandon Lewis und Chad Taylor. Lewis bekennt, dass das 1980 in Willisau von Dewey Redman und Ed Blackwell eingespielte Album "Red and Black" ihn massgebend inspiriert habe.

Camille Émaille – Improvisation auch im Leben

Den erfrischenden Geist der zeitgenössischen Improvisations-Szene verkörpert vielleicht niemand so gut wie die 26-jährige französische Perkussionistin Camille Émaille (aber nicht wegen ihres Namens). Zwar gehörte es schon früh zur Gewissheit im Jazz, dass diese Musik nicht nur eine Spieltechnik, sondern eine Haltung im Leben, im Alltag einschliesst. Aber gemeint war damit in erster Linie: ein Leben als Musiker.

Bei Émaille beginnt die Improvisation schon vor der Musik, bei der sie zufällig gelandet ist. Eigentlich wollte sie Tierärztin werden. Weil sie aber vom Studium enttäuscht war, wechselte sie zur Geschichte und begann das Konservatorium zu besuchen. Sie reiste in der Welt herum, spielte mit Strassenmusiker, und dann wurde die Musik bestimmend. Offen bleibt, ob und wie lange sie der Musik treu bleibt. Wenn sie eines Tages aufwache mit dem Gefühl, überbeschäftigt zu sein und Sachen zu produzieren wie alle andern, sagt sie, dann müsse sie aufhören.

Trotz ihrer relativ kurzen Karriere in der Musik, kann sich Émailles Werk sehen und hören lassen. So arbeitete sie unter anderen mit Fred Frith, Heiner Goebbels, Roscoe Mitchell, Fritz Hauser und Hans Koch. Sie spielt sowohl solo wie in Bands, schrieb auch Musik für Tanz- und Theaterprojekte. Sie sei auf dem besten Weg eine grosse Karriere zu starten, sagt Hans Koch. "Sie ist neugierig und kritisch zugleich, schnell im Reagieren und hat einen ausserordentlich guten musikalischen Geschmack."

Vielfalt musikalischer Positionen

Zwischen diesen beiden Polen von Joshua Redman und Camille Émaille bietet das Festival eine reiche Auswahl unterschiedlichster Positionen aus der amerikanischen und der europäischen, insbesondere der Schweizer Szene; selbst aus Australien reist eine Band an (Pateras/Baxter/Brown). Dazu gehören die avantgardistischen und auf die Literatur ausgreifenden Klänge von Martin Schütz (Mr. Schuetz & the Paradox) ebenso wie das zwischen Post-Punk, Minimal-Music und Afro-Beat changierende Trio Vula Viel aus London oder das auch politisch engagierte Quintett Irreversible Entanglements aus Brooklyn, das Free Jazz mit Spoken-Word-Poesie verbindet.

Eine Synthese von ägyptischen und schweizerischen Volksmusikelementen im Geiste des Jazz verspricht das Ala Fekra Project der Akkordeonisten Patricia Draeger; mit dabei neben zwei Ägyptern ist Albin Brun, der seit jeher versucht, die Volksmusik von der Folklore-Schiene zu holen und der dieser "Entgleisung" höchste lyrische Qualitäten abgewinnt.

Das Jazz Festival Willisau umfasst insgesamt zwölf Konzerte auf der Hauptbühne, drei Konzerte in der Reihe Intimities (u.a. mit der Saxofonistin Co Streiff), zwei so genannte Late Spots um Mitternacht sowie sechs Konzerte im Zelt. Rund achtzig Musiker sind an den fünf Tagen im Luzerner Hinterland zu hören.

sda / neo1

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